“Das Eisenbahngleichnis” – Gedichtinterpretation – Erich Kästner

erstellt am: 17.04.2020 | von: | Kategorie: Literatur

Das Gedicht “Das Eisenbahngleichnis”, wurde im Jahre 1931 von Erich Kästner verfasst und in dem Sammelband “Reisen vom Sturm und Drang bis zur Gegenwart” vom Verlag Cornelsen auf Seite 66 veröffentlicht. In dem Gedicht wird das Leben der Menschen metaphorisch verglichen mit einer Zugfahrt und der Leser wird mit unterschiedlichen Schicksalen konfrontiert.

Inhaltsangabe

In dem Gedicht wird eine Lebensreise beschrieben. In der ersten Strophe wird erläutert, dass wir alle gleich sind und alle gemeinsam die Lebensreise beschreiten. In Strophe zwei und drei wird widergespiegelt, dass das Leben aus verschiedenen Lebensabschnitten besteht. Die vierte und fünfte Strophe setzt sich mit dem Tod auseinander. In der vorletzten Strophe wird Kritik an dem Gesellschaftssystem ausgeübt. Die letzte Strophe rundet das Gedicht ab und fasst inhaltlich das Gedicht kurz zusammen.

Formanalyse

Das Gedicht ist unterteilt in sieben Strophen, dabei haben alle Strophen kontinuierlich fünf Verse und das Gedicht weist somit die Form eines Quintetts auf.  Es ist kein definierbares Reimschema vorzufinden. Aufgrund dessen ist das Klangbild des Gedichtes schroff und der Rhythmus abwechslungsreich. Durch die vielen Zeilensprünge (z. B. V. 1-2, V. 14-15) die das Gedicht beinhaltet, wird eine Unruhe ausgestrahlt. Eine weitere Formalität ist die häufige Wiederholung des Wortes “Zug”(V. 1 usw. ).

Inhaltsanalyse

Erich Kästner benutzt im gesamten Gedicht den Zug als Motiv. Der Zug steht symbolisch für Geschwindigkeit und der damit einhergehende, nicht zu bremsende Werdegang der Zeit. Die Eisenbahn brachte in ihren Anfängen nicht nur eine Steigerung der Mobilität, sondern revolutionierte auch in hohem Maße das Raum-, Zeit- und Geschwindigkeitsempfinden der Menschen. In dem Gedicht kann man das Motiv, den Zug, gleichsetzen mit dem Werdegang des Lebens.

Die erste Strophe dient als eine Einleitung. Dem Leser wird mit der Metapher “Wir sitzen alle im gleichen Zug” (V. 1) klargemacht, das alle Menschen zwar ein unterschiedliches Leben führen, jedoch alle im Grunde genommen “gleich” ( V. 1) sind. Durch das Pronomen “wir” (V. 1) richtete sich das Gedicht direkt an den Leser. Des Weiteren sind zwei Parallelismen in der ersten Strophe vorzufinden “Wir sehen hinaus. Wir sahen genug” (V. 3), hier spielt der Autor auf die ermüdende Routine eines jeden Lebens an und vergleicht diese mit der langweiligen Sicht aus einem Zugfenster. Der zweite Parallelismus “Wir fahren alle im gleichen Zug” (V. 4), stellt einen Bezug zum ersten Vers dar. Deutlich unterscheiden muss man aber hier die Wörter “sitzen” (V. 1) und “fahren” (V.3). Die Wörter “Wir sitzen” (V. 1) geben den Anschein, dass man keine Kontrolle über den Zug hat “Wir fahren” (V. 4) jedoch bedeutet, dass wir selbst Kontrolle übernehmen können.

In der zweiten Strophe werden verschiedene Schicksale von Menschen dargelegt. Folglich wird das Gedicht von einem auktorialen Erzähler wiedergeben, der auf räumlicher und auf zeitlicher Ebene allwissend ist. Der eine “schläft” (V. 6), der andere “klagt” (V. 6) und wiederum ein anderer “redet viel” (V. 6). Durch diese Charakterisierung wird hervorgehoben, wie unterschiedlich wir sein können, obwohl wir alle im “gleichen Zug” (V. 1) sitzen. Mit der Metapher “Stationen werden angesagt” (V. 8), sind die verschiedenen  Lebensabschnitte wie z. B. die Geburt, Hochzeit und Tod gemeint. In den letzten beiden Versen ist eine Parenthese vorzufinden “Der Zug, der durch die Jahre jagt, kommt niemals an sein Ziel” (V. 9/10). Deuten kann man die Verse so, dass das Leben unendlich ist, wir Menschen jedoch nicht, das Leben als Ganzes gesehen endet nie.

Die dritte Strophe spiegelt die Unsicherheit wieder. Wir sind uns nicht sicher, welche materiellen Gegenstände wir auf unsere Lebensreise mitnehmen sollen, “Wir packen aus. Wir packen ein” (V. 11). Diese Unsicherheit wird durch die rhetorische Frage “Wo werden wir wohl morgen sein?” auf das räumliche und zeitliche Gefühl ausgeweitet. Selbst eine autoritäre Person wie ein “Schaffner” (V. 14) welcher “vor sich hin lächelt” (V. 15), “weiß nicht, wohin er will” (V. 16). Gleichzusetzen ist der “Schaffner” (V. 15) mit einer Person oder mit einem politischen System welches im Leben Halt geben soll und die Menschen in eine Richtung leiten soll , jedoch wird man enttäuscht “Er schweigt und geht hinaus” (V. 17) Ganz im Gegenteil zu dieser Ungewissheit ertönt abrupt die “Zugsirene schrill!” (V. 18). Die bisherige rasante Zugfahrt hat ein Ende “der Zug fährt langsam und hält still.”(V. 19). “Die Toten steigen aus” (V. 20), was bedeuten soll, dass die Toten von uns gehen und nicht mehr mit dem Zug des Lebens weiterfahren. 

An die Ereignisse der vierten Strophe anknüpfend, stirbt in der fünften Strophe ein “Kind” (V. 21). Um die Dramatik zu steigern, fügt der Autor Kästner noch die schreiende Mutter des Kindes in sein Gedicht mit ein, welche die Trauer der Angehörigen, die Betroffenheit der Anderen und die Hilflosigkeit der Mutter widerspiegelt. Ganz im Gegenteil zur Mutter welche “schreit” (V. 21), werden die Toten durch eine Alliteration “Die Toten stehen stumm” (V. 22) beschrieben. Hervorheben muss man hier das Wort “stumm” (V.  22) , dies vermittelt uns ein Bild, dass die Toten eines Tages eine weite Distanz von uns entfernt sind und wir sie somit vergessen, weil das Leben trotzdem weitergeht.

In der nächsten Strophe äußert sich Kästner über das Klassensystem unserer Gesellschaft, die “Mehrheit sitzt auf Holz” (V. 30) während ein “feiner Herr [..] im roten Plüsch” (V. 27/28) in der “1. Klasse” (V. 26) sitzt. Trotzdem scheint der “feine Herr” (V. 27) nicht glücklicher zu sein als die einfache “Mehrheit” (V. 30), “er atmet schwer” (V. 28) und “ist allein” (V. 29). Die Beschreibung “er atmet schwer” (V. 28) kann man so interpretieren, dass zwar das Leben eines Reichen und eines Armen viele Unterschiede aufweist, jedoch trotz allem eine unabdingbare Gemeinsamkeit besteht, das Sterben. 

In der letzten Strophe wird der Inhalt des Gedichtes kurz und knapp wiedergeben. Es wird ein Bezug zur ersten Strophe hergestellt, besonders auffällig ist hier der Parallelismus. Anfangs heißt es “Wir sitzen alle im gleichen Zug” (V. 1), dann “Wir fahren alle im gleichen Zug” (V. 4) und zuletzt “Wir reisen alle im gleichen Zug” (V. 31). Individuell betrachten muss man hier die Wörter “reisen” (V. 31) und “fahren” (V. 4). Während Fahren eine Fortbewegung mit einem Fahrzeug voraussetzt, ist Reisen frei von jedem Fortbewegungsmittel. Ein weiterer auffälliger Aspekt ist, dass Kästner in dem Gedicht manchen Menschen  eine unglückliche Lebensplanung vorwirft, “und viele [sitzen] im falschen Coupe” (V. 35). Das “Coupe” (V. 35) ist hier gleichzusetzen mit einem Lebensabschnitt. Trotzdem aber haben wir alle die im gleichen  Zug “reisen” (V. 31) eine “Gegenwart in spe” (V. 32). 

Schluss

Wie es im Titel des Gedichtes “Das Eisenbahngleichnis” schon genannt ist, handelt es sich bei dem Gedicht um ein Gleichnis. Erich Kästner wollte in diesem Gedicht mit dem abstrakten Vergleich des Zuges mit dem menschlichen Leben, den Leser auf verschiedene Gegebenheiten von menschlichen Schicksalen aufmerksam machen. Einerseits will Kästner hervorheben, wie unterschiedlich wir alle sind (Strophe 2), andererseits hebt er auch die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Lebensläufe hervor; das Sterben und das Ungewisse, was das Leben bringt (Strophe 3 & 4). Das Motiv des Zuges dient dabei als Metapher für den Werdegang der Zeit. Abschließend kann man sagen, dass Erich Kästner uns Leser sicher mit diesem Gedicht lehren will, in unserer nur begrenzten Lebenszeit, welche durch Rückschläge, Ungewissheiten und Unsicherheiten geprägt wird, trotzdem den richtigen Weg zu gehen, um am Ende ohne Reue auf das Leben zurückblicken zu können.

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