Aristoteles Tugendethik – Einfach erklärt

erstellt am: 10.11.2019 | von: | Kategorie: Ethik

Ganz allgemein gesprochen kann man sagen, die Tugendethik betrachtet den Handelnden, fragt also Wie muss ich sein, um ein tugendhafter Mensch zu sein? Ihr denkt jetzt vielleicht an preußische Tugenden wie Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit, das ist hier aber nicht gemeint! Das altgriechischen Wort für Tugend Aretḗ bedeutet vielmehr so etwas wie Bestzustand. Es geht sozusagen um den bestmöglichen Charakter des Menschen. Man kann das zur Veranschaulichung mal auf Berufe herunterbrechen. Auf einen Politiker bezogen müsste die Frage lauten: Was macht einen guten Politiker aus?

Um die zu beantworten, würde man sich auf die Suche nach den Tugenden oder einfacher gesagt den Eigenschaften machen, die einen guten Politiker ausmachen. Er sollte zum Beispiel aufrichtig sein. Ist er aufrichtig und hat diese Eigenschaft, dann würde er zum Beispiel keine falschen Versprechungen machen.

Jetzt zu Aristoteles. Er fragte nun nicht, welche Eigenschaften ein bestimmter Beruf haben sollte, sondern welche Eigenschaften der Mensch haben sollte. Aber fangen wir mal ganz am Anfang an.

Aristoteles ging ganz grundsätzlich davon aus, dass jedes Lebewesen ein Ziel hat, auf das es “hinarbeitet”. Auf den Menschen bezogen sei dieses Ziel, also das worauf sein Handeln ausgerichtet ist, die Glückseligkeit – altgriechisch: Eudaimonia. Mit Glückseligkeit ist aber nicht einfach Glück im Sinne von “Puh, noch mal Glück gehabt” oder ein glücklicher Moment gemeint, sondern ein in Gänze gutes und erfülltes Leben.

Die Glückseligkeit sei deshalb das höchste Ziel, weil nur diese um ihrer selbst willen angestrebt werde. Alle anderen Handlungen sind letztlich auf dieses Endziel ausgerichtet.

Wenn ich zum Beispiel einen guten Beruf will, dann deshalb, weil ich letztendlich “glücklich” werden will.

Da stellt sich aber natürlich die Frage: Was ist denn Glückseligkeit inhaltlich, also wie erreicht man sie? Aristoteles glaubte, für jedes Lebewesen sei es das Beste, seine spezifische Funktion zu erfüllen. Was er genau damit meint, macht er mit dem so genannten Ergon-Argument deutlich Ergon bezeichnet im Altgriechischen die spezifische Funktion einer Sache: Das Ergon eines Messers ist es bspw. zu schneiden. Jeder Gegenstand und jedes Lebewesen hat so ein Ergon, also etwas, das es ausmacht.

Wie gut ein Gegenstand ist, erkennt man nun daran, wie gut er sein Ergon, also seine Funktion, erfüllt. Ein gutes Messer erkennt man zum Beispiel daran, dass es gut schneidet. 

Ihr fragt euch jetzt vielleicht Was hat all das mit dem geglückten Leben eines Menschen zu tun? Aristoteles sagt: Wie gut ein Mensch ist und damit wie geglückt sein Leben ist, erkenne man genauso wie bei den Gegenständen daran, wie gut er sein Ergon erfüllt.

Da stellt sich aber schon die nächste Frage: Was ist das Ergon des Menschen, also die spezifische Funktion, die ihn ausmacht? Um das heraus zu finden, vergleicht Aristoteles den Menschen mit den anderen Lebewesen, also Pflanzen und Tieren. Dabei stellt er fest, das alle drei etwas gemeinsam haben, nämlich ihre lebenserhaltenden Funktionen. Die Wahrnehmung dagegen kommt nur den Menschen und den Tieren zu. Aristoteles sucht aber das, was nur den Menschen zukommt und das ist das Denken, also die Vernunft.


LebenserhaltungWahrnehmungVernunft
MenschJa JaJa
TierJaJaNein
PflanzenJaNeinNein

Kombiniert man die Überlegungen vom Anfang, nämlich, dass die Güte einer Sache sich danach bestimmt, wie gut sie ihre spezifische Funktion erfüllt mit der Erkenntnis, dass die spezifische Funktion des Menschen die Vernunft ist, dann bedeutet das für den Menschen: Er ist dann gut und sein Leben geglückt, wenn er seine spezifische Funktion – die Vernunft – gut einsetzt.

Aber was heißt das konkret, seine Vernunft gut einsetzen? Hier kommen die Tugenden ins Spiel, sie sind sozusagen die Eigenschaften einer gut eingesetzten Vernunft. Aristoteles unterteilt die Tugenden in zwei Kategorien die Verstandestugenden und die Charaktertugenden. Fangen wir mit den Verstandestugenden an. Zu diesen gehören zum Beispiel Weisheit,

Einsicht und Klugheit. Nach Aristoteles sind dies die höchsten Tugenden, weil diese direkt der spezifischen menschlichen Fähigkeit, also der Vernunft, entspringen. Deshalb sei das beste Leben für einen Menschen auch das Leben, in dem er sich nur dem Denken widmet, das heißt nur von seiner Vernunft und seinen Verstandestugenden Gebrauch macht, also zum Beispiel Wissenschaft betreibt oder philosophiert.

Okay, klingt erstmal ziemlich weltfremd. Der Mensch wird doch nicht glücklich, wenn er nur rumsitzt und nachdenkt. Das hat auch Aristoteles eingesehen.

Denn der Mensch ist nicht nur zur Vernunft fähig, er hat auch Emotionen, Begierden und Bedürfnisse. Diese sind untrennbar mit ihm und seinem Leben verbunden. Aber in ihnen liegt auch die Gefahr, sich falsch zu verhalten. Das passiert nach Aristoteles, immer dann, wenn ein Mangel oder Übermaß an Emotionen herrscht. Tugendhaft sei es den Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen zu gehen.

Versuchen wir mal, das an einem Beispiel deutlich zu machen: Wenn jemand, der selbst nicht schwimmen kann, einen ertrinkenden Menschen sieht, dann hat er vielleicht das Bedürfnis, ins Wasser zu springen und die Person zu retten oder bei ihm überwiegt die Angst und er will einfach weg gehen.

Beides wäre in Aristoteles Augen falsch. Sich selbst in Gefahr zu begeben wäre “leichtsinnig”, einfach weiter zu gehen “feige“. Das rechte Maß zwischen diesen beiden Extremen ist nun die Tapferkeit. Die Tapferkeit ist ein Beispiel für eine Charaktertugend. Charaktertugenden sind sozusagen das Ergebnis der vernünftigen Betrachtung und Regulierung unserer Emotionen. Tapfer wäre der Handelnde in unserem Beispiel, wenn er klug überlegt, wie er der ertrinkenden Person wirklich helfen kann – zum Beispiel, indem er in der Nähe bleibt und jemanden zur Hilfe ruft, der schwimmen kann anstatt einfach seiner Angst nach zu geben und sich der Situation zu entziehen.

Aristoteles legt eine ganze Liste von Tugenden an, die ich jetzt nicht alle aufzählen werde.

Eine besondere Charaktertugend sei aber noch erwähnt die Gerechtigkeit. Sie ist im Gegensatz zu den anderen Charaktertugenden nicht die Mitte zwischen zwei Übeln, sondern an sich gut, ihr Gegenteil, die Ungerechtigkeit, an sich schlecht. 

Fassen wir mal zusammen: Der Mensch strebt nach Glückseligkeit. Die erreicht er, wenn er seine spezifische Funktion – die Vernunft – benutzt und mit Hilfe der Vernunft bestimmt er nun die Tugenden, die einen guten Charakter ausmachen. Ein tugendhaftes und damit geglücktes Leben besteht nach Aristoteles nun darin, zu versuchen, einen möglichst guten Charakter zu entwickeln. Dabei spielt Gewöhnung eine große Rolle. Es reicht nicht, einmal gut zu handeln. Tugendhaft zu sein, muss man durch ständige Anwendung erlernen. Man formt sozusagen durch viele Wiederholungen seinen Charakter zu einem tugendhaften Charakter und den zu haben, das sei die wahre Glückseligkeit, weil man dann die spezifische Funktion des Menschen in ihrer besten Form zu Geltung bringt. So und jetzt kommt der große Knackpunkt. Damit all das funktioniert, muss man der aristotelischen

Vorannahme, dass es für den Menschen gut ist, seine spezifische Funktion zu erfüllen, zustimmen. Tut man das nicht, dann erschließt sich auch nicht, warum es für den Menschen gut sein sollte, einen tugendhaften Charakter zu entwickeln. Neben dieser Schwäche hat die aristotelische Tugendethik aber auch eine große Stärke Sie berücksichtigt die Umstände des Einzelnen. An unserem Beispiel von vorhin kann man das ganz schön verdeutlichen: Ein Kind sollte natürlich nicht ins Wasser springen, ein Rettungsschwimmer hingegen würde sich nicht in zu große Gefahr bringen – Je nach den eigenen Umständen empfiehlt die Vernunft andere Handlungen.

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