Analyse “Er hat alles, was er braucht” – Angelika Domhof

erstellt am: 14.11.2019 | von: | Kategorie: Writing

Textbeschreibung:

Angelika Domhofs Kurzgeschichte „Er hat alles, was er braucht” erschien 1982 in dem Sammelband „Tee und Butterkekse. Prosa für Frauen”. Sie wurde vom Cornelsen-Verlag 2006 im Deutschbuch 5 auf Seite 103 abgedruckt.

Erzählt wird von einem unangekündigten Besuch einer Frau bei einem kranken Mann, wobei sich beide verlegen und unsicher verhalten, was den Leser fragen lässt, in welcher Beziehung beide zueinander stehen.

Der Text lässt sich In vier Abschnitte gliedern. In Zeile 1 bis 7 wird erzählt, dass eine Frau einen kranken Mann mit ihrem Besuch überrascht. Er ist jedoch bemüht, Abstand zu wahren (Z. 7-12). Der dritte Abschnitt (Z.13-35) schildert den Versuch der beiden Personen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Da sie nicht unbefangen sind, gelingt ihnen das nur schlecht, weshalb die Besucherin beschließt, wieder zu gehen. Der Schluss (Z. 36-39) bringt eine überraschende Wendung, so dass eine zukünftige Annäherung möglich scheint.

Der Krankenbesuch ereignet sich an einem nicht näher bestimmten Tag und spielt sich im privaten Zimmer des Mannes ab, der offenbar im Bett liegt. Die angespannte Atmosphäre spiegelt die innere Verfassung des Kranken.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Beziehung zwischen der Besucherin und dem kranken Mann. Es könnte sich dabei um eine Mutter handeln, die ihren Sohn besucht, oder um eine Tochter und ihren Vater, vielleicht auch um Schwester und Bruder oder um ein ehemaliges Liebespaar. Dies legt der Satz „Erteilt seine Hilflosigkeit nicht gern, schon gar nicht mir ihr” (Z. 18f) nahe. Der Erzähler macht deutlich, dass es ihm gerade ihr gegenüber peinlich ist, hilflos und schwach zu erscheinen.

Die Personen sind namenlos, sie sprechen sich nicht mit Namen an. Das signalisiert eine gewisse Anonymität. Dennoch sind sie sich vertraut, denn sie duzen sich „Komm mir nicht zu nahe” (Z. 8)

Auffällig ist, dass sie die Initiativen ergreift, auf ihn zuzugehen, sie kommt ihn besuchen (Z. 1), fürchtet sich nicht, sich anzustecken (Z.10), sie zieht einen Stuhl an sein Bett (Z. 9), während er Distanz wahren möchte: Er gibt ihr nicht Bescheid (Z. 2), freut sich nicht (Z. 7) Sie zeigt Zuwendung, während er ihre Nähe zurückweIst: „Komm mir nicht so nahe” (Z. 8f) und rechtfertigt seine Ablehnung mit „du wirst dich anstecken” (Z. 8f). Da er den Indikativ verwendet, klingt das viel härter als die höfliche Formulierung im Konjunktiv „Du könntest dich anstecken”. Offenbar ist ihm die Nähe seiner Besucherin an seinem Bett lästig.

Ihre entschuldigende Aussage „Ich hatte sonst nichts, was ich dir hätte mitbringen können.” (Z. 22f) lässt vermuten, dass beide schon länger nichts mehr miteinander zu tun hatten.

Auf seine Aussage „Ich habe alles, was Ich brauche” (Z, 32) antwortet sie „Ja, ich sehe” (Z. 34). Das könnte auch ironisch oder leicht verbittert gemeint sein. Sie sieht das als Aufforderung zu gehen, vielleicht, weil er sie gekränkt hat mit seiner abweisenden Haltung. Auf diesen Wendepunkt (Z, 35) folgt der Höhepunkt; Im letzten Moment scheint er zu verstehen und hält sie mit der Bitte, die Blumen so zu Ihm zu drehen, dass er sie sehe, zumindest eine Zeit lang auf (Z. 36f).

Der auktoriale Erzähler wechselt zwischen Außen- und Innensicht, ohne sich einzumischen. So erzählt er nüchtern In kurzen Sätzen die äußere Situation “Sie. hatte ihn besucht. Er war krank.” (Z. 1) Doch teilt der Erzähler auch die Innenansicht der Personen sowohl der Frau als auch des Mannes mit: „Sie spürt […]” (Z. 16)‘”Er teilt seine Hilflosigkeit nicht gern, schon gar nicht mit Ihr.” (2, 18). Ihre Anspannung kommt In dem Satz „Sie fühlt sich nicht wohl, wünscht plötzlich, nicht gekommen zu sein.” (Z. 24f). Der Leser fühlt sich als stummer Beobachter mit anwesend.

Der einfache Satzbau ist gleichförmig: Die Subjekte stehen am Satzanfang, z.B. „Sie  hatte ihn besucht. Er war krank.” (Z. 10f) „Erfreute sich nicht ..”(Z. 7). „Sie sieht das ‘Tablett…”     (Z. 27) Das wirkt monoton, die Anspannung der beiden wird dadurch verstärkt.

Die mehrfache Wiederholung des Verbs „sagen”, z.B. in „hatte er gesagt”(Z. 8) oder „hatte sie gesagt (Z. 10f) zeigt dem Leser, dass das Gespräch zwischen den beiden schwierig ist und belanglos bleibt.

Schon in den ersten beiden Sätzen „Sie hatte ihn besucht. Er war krank.” (Z. 1) fällt der Wechsel vom Plusquamperfekt zum Präteritum auf, als liege ihr Besuch schon sehr weit in der Vergangenheit zurück. Der Wechsel vom Präteritum ins Präsens „Sie hatte sich einen Stuhl in die Nähe seines Bettes gezogen…” (Z.13) zu „Sie spürt, dass Ihr Besuch ihm nicht angenehm ist.” (Z.17f) markiert gleichzeitig den Wechsel von Außen- zur Innensicht. Die kurzen Sätze lassen spüren, dass die Beziehung der beiden nicht harmonisch Ist. Auch die fehlenden Satzzeichen bei den Dialogen weisen den Leser darauf hin, dass es für beide schwierig ist, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Der Irrealis „Er hätte’sie deswegen nicht angerufen,…” (Z. 2) zeigt sein gespanntes, Verhältnis zu ihr. Sie ist auf „irgendjemand” angewiesen, der ihr mitteilt, dass es   ihm nicht gut geht.

Nach der Bearbeitung des Textes stellt der Leser die Überschrift infrage: Hat der Patient tatsächlich, was er zum Gesundwerden nötig hätte? Wenn man kränk ist, ist man normalerweise hilfsbedürftig und freut sich, wenn sich jemand um einen  kümmert. Es stellt sich auch die Frage nach der Art des Leidens. Um was für eine  ansteckende Krankheit handelt es sich hier? Der Kranke zieht sich zurück, gesteht seine Hilfsbedürftigkeit nicht ein und verhält sich abweisend.

So wie der Leser nichts über die Vorgeschichte der Besucherin und des Kranken erfährt, wird er auch über die Fortsetzung im Ungewissen gelassen. Er kann nur Vermutungen anstellen, wie sich wohl die Beziehung zwischen den beiden weiterentwickeln könnte, und wird so zum Nachdenken über die Geschichte angeregt.

Vermutlich möchte Angelika Domhof mit Ihrer Erzählung die Schwierigkeiten ausdrücken, die zwei Menschen miteinander haben, deren Beziehung nicht spannungsfrei ist. Gerade dann, wenn einer der beiden krank ist und der Hilfe des anderen bedarf, fällt es schwer, Unterstützung anzunehmen. Schwäche zeigen zukönnen, setzt Vertrauen voraus. Wo das Gefühl der Scham herrscht, ist die Nähe eines anderen peinlich. Das scheint hier seitens des Mannes der Fall zu sein. Er fühlt sich durch die Besucherin, die unangemeldet In seinen sehr privaten Bereich eindringt, in seinem Stolz verletzt. Andererseits kränkt er sie mit seiner schroffen Zurückweisung ihrer Zuwendung. Deshalb glaubt sie, dass es vielleicht ein Fehler war, ohne seine Zustimmung reinzuplatzen. Seine Bitte am Ende deutet jedoch an, dass er seine abweisende Haltung bedauert. Vielleicht ermöglicht es ihr Besuch doch, eine ehrliche Beziehung aufzubauen, wo sich keiner vor dem anderen genieren muss, wenn es ihm nicht gut geht.

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